Festkonzert zum Jubiläum „45 Jahre Mädchenchor Halle – Neustadt“

Im doppelten Sinne wird mir bewusst, wie die Zeit vergeht: Schien es mir doch, als hätte ich gerade das Konzert zum 40jährigen Bestehen erlebt, sitze ich schon wieder in einem Jubiläumskonzert, das der Vorbote des halben Jahrhunderts zu sein scheint.

Dass Singen jung hält, beweisen die Gratulanten – der Konzerthallenchor, der auch von Thomas Vogt geleitet wird, gratuliert auf seine Weise. Überrascht den Chorleiter genauso wie die Mädchen, die aktuell den Chor ausmachen. Sie zeigen, was es heißt, in einem Chor zu singen, dabei froh zu sein und Freude bis in die etwas reiferen Jahre zu spenden. Das Alter spielt beim Singen keine Rolle. Man verlernt es nicht. Der Projektchor 45, der eigens für dieses Chorkonzert fünf Proben wahrnahm, um aufzutreten und zu zeigen, dass die Sangesfreudigen ihre Stimme auch nach längerer Ruhepause zur Höchstform bringen können. Da stehen Frauen, jung und dynamisch – wo sind die Jahre, frage ich mich, als ich Caroline Vernau zum Duett vorn stehen sehe. Ihr kann man die Freude am Singen heute wie damals genauso ansehen wie den Sangesschwestern. Fast nicht zu glauben, dass dieser Chor jetzt wieder in der Versenkung verschwinden will, aus der er gerade empor gehoben wurde. Sehr schade ist das, aber auch verständlich, weil die jungen Frauen in ganz Deutschland verstreut sind. Bedauerlich ist es trotzdem. Und es ging unter die Haut, dass die Chöre ihrem Chef ganz persönlich ein Ständchen brachten, auf das er nicht vorbereitet war. Das taten alle Chöre gleichermaßen, auch der aktuelle Mädchenchor ließ Ihren Chorleiter die „weiche“ Seite zeigen. Gerührt, innerlich gespannt, ungehemmt erfreut und wie Thomas Vogt selbst sagte: “Sehr stolz, dass er mit diesen Mädchen arbeiten darf, dass er es geschafft hat, auch nach 45 Jahren freudvolle Chorsängerinnen zu erleben.“ Und es wäre nicht Thomas Vogt, wenn da nicht tiefgestapelt würde.

Bescheiden wie er ist, kommen solche Sätze, wie „ich bin nur der Chorleiter, ohne die Sängerinnen und ohne deren Begeisterung wäre ich nichts“. 
Diese Sängerinnen, die viele Strapazen auf sich nehmen, oft Künstler im Zeitmanagement sein müssen, um Chor, Schule, Freunde und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie eröffnen das Konzert mit einem eigens für sie komponierten Lied, in dem sie den Mädchenchor vorstellen. Die Musik, die von Armin Blaschke als Eröffnungstitel komponiert und getextet wurde, steht für den Chor und dieser Titel begrüßt die zahlreich erschienen Gäste. Eine volle Konzerthalle – ein tolles Publikum, das den Sängerinnen mit reichlich Applaus für die gelungenen Lieder dankte. Eine bunte Mischung aus deutschen und internationalen Volksliedern, Filmmusiken und einem Lied nach den Klängen der „Moldau“ von Smetana und dem Text von Jochen Röhricht, bewies den hohen Anspruch, dem sich die Mädchen stellen und ihn an diesem Nachmittag erfüllen.

Originelle Arrangements und am Ende des ersten Teils der „Cup Song“, der die koordinativen Fähigkeiten genauso nachwies, wie die Tatsache, dass Frauen vieles gleichzeitig können, lösten Begeisterungsstürme des Publikums aus.

In der Reihe der Gratulanten nahm wie schon öfter Beate Bechmann einen Ehrenplatz ein. Sie krönte die voran gegangenen Spenden für den Chor, die allesamt helfen, die Sangesfreude auch bezahlbar zu machen, mit ihren Worten an die Mädchen, bei denen sie alt bewährt den Zuschauern den Rücken zuwandte. „Ich spreche mit den Mädchen, weil sie mir das Herz öffnen und weil sie es vermögen, die gute Laune zu sichern, egal, wie der Tag beginnt. Ein Konzert des Chores macht mich einfach nur glücklich.“ Dank ihres Organisationstalents und der Hilfe der Partner der Volkssolidarität des Regionalverbandes Halle und des Saalekreises e. V. konnte der Mädchenchor im Jubiläumsjahr die Weihnachts – CD erstellen, deren Absatz als gesichert gilt, weil nur 500 CDs hergestellt wurden. Und der Vorschlag des professionellen Moderators Jens Trinter, sie in den Reigen der Weihnachtsgeschenke aufzunehmen, ist wohl von vielen Zuschauern bereits gebongt.

Der Chor bedankt sich bei der inzwischen zur Freundin gewordenen Beate Bechmann ebenfalls mit einem Herzensgeschenk. Sie wird Ehrenmitglied des Chores, ein kleines nachträgliches Geschenk zu ihrem Jubiläum, das hier aber nicht näher benannt werden soll. Auch wenn ihr Selbstvertrauen beim Singen in den Keller rutscht, reiht sich die jung gebliebene Beate Bechmann in den Chor ein und gibt ihrer Rührung freien Lauf. „Ich wollte nie erwachsen sein“ steht auf dem Tshirt, das das frisch gebackene Chormitglied überreicht bekommt und das Lied dazu wird ihr auf den Gabentisch gleich mit präsentiert.

Jedes große Ereignis hat auch Schattenseiten. Die des Jubiläumskonzerts ist wohl in dem Abschied dreier Sängerinnen zu finden, die das Bild des Chores mit prägten. Sophie Ahrens ließ die Gänsehaut noch einmal durch die Zuschauerhäute wandern, als sie ihren Abschied mit dem „Haleluhjah“, begleitet vom Papa und dessen Gitarre, sang und die beiden Abiturientinnen Franziska Kirchner und Vivien Wendorff, die „The Rose“ im Duett gaben, ein Titel, der die Herzen aller berührte. Sie reißen eine Lücke, an deren Schließung schon jüngere Chorsängerinnen interessiert sind. So auch Jessica Grulke, die bereits jetzt ein Solo sang, der ganz nach dem Geschmack des Publikums war.

Ein Chor lebt von Solisten, die sich in den Chor einordnen und aus ihm heraus treten, aber vor allem von der Gemeinschaft, die einen Klangkörper bildet, der Harmonie ausstrahlt und Freude verbreitet. „Chorsingen ist Diktatur“ sagt eine der Gratulantinnen und „es ist wohl die einzige Diktatur, der man sich freiwillig und lebenslang unterordnet“.
Dass Thomas Vogt ein Diktator ist, kann ich mir nicht vorstellen, aber ich bin sicher, ohne seinen eisernen Willen, ohne Kampfgeist und ohne eine gewisse Portion Sturheit würde dieser Chor nicht so erfolgreich sein. Nein, er ist nicht „nur der Chorleiter“, er ist ein Macher, der die Mädchen motiviert, aktiviert und manchmal auch streng führt. Er hat ein starkes Team an seiner Seite: Seine Familie, die sich oft um den Chor erweitert, seinen Vorstand, der ihm in allen Belangen den Rücken frei hält, die Eltern und Familien der Mädchen, die immer wieder helfen und das Chorleben unterstützen, Frau Ackermann, die Schulleiterin und Sponsoren, die für die notwendigen Mittel sorgen.

Für die Zuschauer, die am 21.06.2014 in der Ulrichskirche dem dreistündigen Konzert lauschten, war es keine vertane Zeit – es war eine Freude zu sehen, wie sich junge Menschen mit den richtigen Pädagogen und Partnern an der Seite weiter entwickeln, wie sie durch Erfolg ihr Selbstvertrauen stärken und wie sie das Brot des Künstlers, den Applaus, genießen, weil er der Lohn für harte Arbeit ist.

Mir bleibt, den Sängerinnen unter der Leitung von Thomas Vogt aufs Herzlichste zu danken und ich bin sicher, dass ich damit im Namen der Zuschauer spreche, die die Konzerthalle füllten. Sie haben sich damit selbst ein Geschenk gemacht – ein Konzert voller Herzlichkeit und ein Abtauchen aus dem Stress des Alltags. Tausend Mal Danke, lieber Mädchenchor, lieber Thomas Vogt.
AJu